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Sicherheit im Kinderzimmer

Spielzeug gehört zur Wunderwelt der Kindheit. Spielzeug kann aber auch gefährlich sein, wenn es nicht mit der nötigen Vorsicht benutzt wird. Eltern, die wissen, welche Gefahren mit Spielzeug verbunden sind und für welche Altersgruppen Spielzeug geeignet ist, können ihre Kinder besser vor Verletzungen bewahren. Der technische Bericht ISO/TR 8124-8 ist darauf ausgelegt, dass Spielzeug altersgerecht und im Sinne der höchstmöglichen Sicherheit produziert wird.

Haben Sie sich als Kind beim Spielen je eine Verletzung durch Spielzeug zugezogen? Sie wären jedenfalls nicht der Einzige, der mit dem Fahrrad gestürzt wäre und sich das Knie aufgeschürft hätte oder sich durch ein fliegendes Teil eines Spielzeugs am Auge verletzt hätte. Durch Spielzeug verursachte Verletzungen sind weit verbreitet.

Gemäss einer in der medizinischen Fachzeitschrift «Clinical Pediatrics» veröffentlichten Studie aus dem Jahr 2014 sind in den USA zwischen 1990 und 2011 mehr als drei Millionen Kinder wegen einer Verletzung durch Spielzeug notfallmässig behandelt worden. Allein im Jahr 2011 gab es im Durchschnitt alle drei Minuten einen solchen Vorfall. Etwas mehr als die Hälfte dieser Verletzungen betreffen Kleinkinder von unter sechs Jahren.

Welche Gesundheits- und Sicherheitsrisiken stecken denn hinter den Spielzeugregalen? Eine der grössten Gefahren von unsicherem Spielzeug sind Kleinteile, die insbesondere für Kinder unter drei Jahren ein Risiko darstellen. Für ältere Kinder vorgesehenes Spielzeug mit Kleinteilen kann zum Ersticken führen, wenn ein Kleinkind das Spielzeug in den Mund steckt.

Altersgerechtes Spielen

Leider ist nicht jedes Spielzeug sicher und altersgerecht. Oft kommt es zu Verletzungen, wenn ein Spielzeug nicht sachgerecht oder von Kindern benutzt wird, die noch nicht das entsprechende Alter haben. Dieser Umstand ist sehr tragisch, wenn man bedenkt, welcher Aufwand für den Schutz der jüngsten Mitglieder der Gesellschaft betrieben wird.

«Das Recht auf Sicherheit gehört zu den wichtigsten Verbraucherrechten», meint Antonio Bonacruz, Koordinator für Tests von Kinderprodukten bei CHOICE, einer Verbraucherschutzorganisation mit Sitz in Australien. «Die Verbraucher gehen davon aus, dass Spielzeug so sicher wie möglich ist. Die Hersteller müssen gewährleisten, dass ihre Produkte tatsächlich für die Altersgruppe von Kindern geeignet sind, für die sie hergestellt werden.»

Spielzeughersteller müssen sich dessen bewusst sein, dass Kinder in verschiedenen Altersgruppen auch unterschiedliche Fähigkeiten, Interessen, Präferenzen und Stärken haben. Zudem müssen sie berücksichtigen, dass die Sicherheit der Kinder davon abhängig ist, dass man ihnen Spielzeug gibt, das diesen Faktoren gerecht wird. Bonacruz sagt dazu: «Die Hersteller müssen auf dem Spielzeug klare Angaben zur Alterseignung machen und dafür zuverlässige Quellen wie Normen oder professionelle Bewertungen heranziehen, statt sich auf willkürliche Einschätzungen zu verlassen oder gar nur Vorgaben zu formulieren, mit denen sie sich aus der Verantwortung stehlen könnten.»

«Die Bestimmung der Altersgerechtheit ist ein wichtiger Faktor, wenn es darum geht sicherzustellen, dass Spielzeug für die Kleinen geeignet und sicher ist», meint Dr. Pratik Ichhaporia, der Verantwortliche für technische Dienste in Nordamerika bei Intertek, einem Qualitätssicherungsunternehmen. «Die Kategorisierung von Spielzeug in Altersgruppen ist ein sehr wichtiges Mittel, um es den Spielzeugherstellern zu ermöglichen, ihre Produkte zielgruppengerecht auszulegen und die relevanten Sicherheitsanforderungen zu erfüllen.»

Sicherheitsvorkehrungen und Normen in Bezug auf die Altersgerechtheit von Spielzeugtypen können sich positiv auf die Sicherheit der im Markt erhältlichen Spielzeugprodukte auswirken und zu einem erheblichen Rückgang der Verletzungen durch Spielzeug beitragen.

Voneinander abweichende Normen

Die Kategorisierung von Spielzeug nach Altersgruppen wird von Herstellern, Einzelhändlern, Importeuren und Testlabors seit längerer Zeit rein subjektiv betrieben. Der Umstand, dass es keine einheitliche Informationsquelle gibt, wird durch voneinander abweichende nationale und regionale Normen nur weiter verkompliziert.

Bonacruz räumt ein, dass von Land zu Land und Region zu Region unterschiedliche Bestimmungen und Normen für Spiele und Spielzeug den Herstellern Probleme bereiten können. In Bezug auf die Anzahl unterschiedlicher Normen erklärt er: «Es mangelt seit Jahrzehnten an einer zuverlässigen Informationsquelle dafür, für welches Kindesalter ein bestimmter Spielzeugtyp geeignet ist. Es gibt zwar einige relevante Unterlagen, aber die meisten sind veraltet. In andere Regionen wird die Bestimmung der Altersgerechtheit unterschiedlich gehandhabt.»

Abgesehen vom Mangel an harmonisierten Normen können Spielzeughersteller auch aufgrund ihrer Unternehmensgrösse Nachteile erleiden. Grössere Spielzeuganbieter und vielleicht auch staatliche Stellen verfügen im Gegensatz zu kleineren Akteuren wahrscheinlich über Sachverständige für die Alterskategorisierung.

Die Kategorisierung in Altersgruppen ist trotz all dieser Fragen aus verschiedenen Gründen eine zentrale Komponente im Vertrieb von Spielzeug und Kinderprodukten.

Vertrauensbildung
Im Hinblick auf eine Vereinheitlichung der weltweiten Sicherheitsanforderungen an Spielzeug hat die ISOISO
International Organization for Standardization
unlängst den technischen Bericht ISO/TR 8124-8 veröffentlicht. Dieser ist der Bestimmung des jüngsten Alters gewidmet, in dem Kinder mit Spielzeug gewisser der Entwicklungsphase und den Fähigkeiten eines Kindes entsprechenden Unterkategorien zu spielen beginnen. Der ISO/TR 8124-8 ist der achte Teil der Normenreihe ISOISO
International Organization for Standardization
8124 für die Sicherheit von Spielzeug. Er bietet eine umfassende Lösung für Fragen der Kategorisierung in Altersgruppen unter Berücksichtigung des aktuellen Wissenstandes auf den Gebieten Anthropometrie, Entwicklung und Verhalten.

In den sieben anderen Teilen der Normenreihe sind Anforderungen und Prüfverfahren für verschiedene Gefahren- oder Spielzeugkategorien mit diversen Faktoren, die vom Benutzeralter abhängig sind, definiert. Diese Normen üben einen immer stärkeren Einfluss auf die Entwicklung der Anforderungen an Spielzeug auf der ganzen Welt aus und werden von vielen Ländern entweder integral übernommen oder zur Ausarbeitung eigener nationaler Normen und Bestimmungen genutzt.

Die Vorzüge des neuen technischen Berichts kommentiert Ichhaporia wie folgt: «Der ISO/TR 8124-8 ist ein prägnantes Werk, das eine benutzerfreundliche Alterskategorisierung von Spielzeug ermöglicht. Da der Bericht in jüngster Zeit und unter Mitwirkung verschiedener Interessenträger wie Aufsichtsbehörden, Hersteller und Dienstleister erarbeitet worden ist, beruht er auch auf neusten Daten und Entwicklungen auf dem betreffenden Gebiet.»

Und wie ist dieser technische Bericht der ISO im Markt aufgenommen worden? Wird er von den Spielzeugherstellern auch angewendet?

Sichere Produkte
Hasbro, einer der grössten Spielzeughersteller der Welt, produziert weltweit jährlich Millionen von Spielzeugprodukten für Kinder aller Alterskategorien. Dieses Unternehmen hält sich in seinem Prozess der Alterskategorisierung an den ISO/TR 8124-8.

Lisa Deluise, Qualitätsproduktanalystin bei Hasbro, meint: «Der ISO/TR 8124-8 ist für uns im Rahmen der Bestimmung, ob ein Spielzeugtyp auch für jüngere Kinder geeignet sein kann, ein zusätzliches und wichtiges Tool. Er gilt als das aktuellste Dokument, in dem auch Richtlinien für neue Technologien (wie Elektronik, Computer oder Software), die in Spielzeug eingebaut werden, enthalten sind.»

Frau Deluise betont, dass sich der ISO/TR 8124-8 im Vergleich zu allen anderen ähnlichen Dokumenten dadurch auszeichnet, dass er durch eine internationale Gruppe von Sachverständigen ausgearbeitet wurde und überarbeitet wird. «Für Hasbro ist dieser technische Bericht deshalb von grosser Bedeutung, weil er auf einem internationalen Konsens beruht und verschiedene Standpunkte und Kulturen aus der ganzen Welt in sich vereint. Wir bei Hasbro finden eine solche zukunftsgerichtete Normung sehr wichtig.»

Die Qualitätsproduktanalystin von Hasbro ist aber nicht die Einzige, die den ISO/TR 8124-8 für einen bedeutenden Schritt in Richtung der Vereinheitlichung der weltweiten Anforderungen an Spielzeug hält. Zum Thema der weltweiten Harmonisierung äussert sich Bonacruz so: «Ich meine, der ISO/TR 8124-8 ist das erste Dokument, in dem die Alterskategorisierung von Spielzeug internationalisiert wird. Angesichts der breit abgestützten Mitwirkung internationaler Beteiligter und des Vertrauens, das in eine Publikation der ISOISO
International Organization for Standardization
gesteckt wird, bin ich zuversichtlich, dass der ISO/TR 8124-8 international auch breite Anwendung finden wird.»

Dieser technische Bericht wird die Arbeit der Aufsichtsbehörden und der Branche zweifellos erleichtern, vorausgesetzt dass die Verbraucher die Produktwarnungen beachten. Aber leider tun sie das nicht immer.

Verantwortung der Eltern

Welcher Erwachsene war nicht schon mal versucht, für einen Zweijährigen ein Spielzeug zu kaufen, das für deutlich ältere Kinder vorgesehen ist? Vielleicht ist einem nicht klar, dass die empfohlene Alterskategorie durch Kleinteile des Spielzeugs, die eine Erstickungsgefahr für Zweijährige darstellen, und nicht durch den kognitiven Entwicklungsstand der Kinder bestimmt worden ist. Es muss zudem berücksichtigt werden, welche Grösse diese Teile haben, wenn das Spielzeug zerbricht.

Spielzeug ist millionenfach im Gebrauch und jedes Jahr werden Hunderte neuer Spielzeugprodukte auf den Markt gebracht. Nur weil die Hersteller Produktwarnungen auf Spielzeug anbringen, ist aber noch nicht gesagt, dass die Eltern diese ernst nehmen. Wenn auf einem Spielzeug z.B. der Hinweis steht, dass es für Kinder unter drei Jahren nicht geeignet ist, so hat das nichts damit zu tun, dass der Hersteller meinen würde, ein 24 Monate altes Kind könne nicht herausfinden, wie das Spielzeug funktioniert. Vielmehr geht es darum, dass das Spielzeug klein ist (oder Kleinteile aufweist) und demzufolge Erstickungsgefahr besteht.

Durch die Wahl altersgerechter Spielzeugprodukte – was damit vergleichbar ist, von einem Kind zu verlangen, einen Helm zu tragen – helfen die Eltern mit, das Verletzungsrisiko ihres Kindes zu reduzieren. Spielzeug sollte Spass machen und keine Gefahr darstellen oder Verletzungen verursachen. Wir sollten die Kindersicherheit von Spielzeug gemeinsam in die Tat umzusetzen.

Quelle: ISOISO
International Organization for Standardization
News, 2016

Ihre Ansprechpartnerin für weitere Informationen:
Barbara Guder, E-Mail: barbara.gudersnv.ch, Tel.: +41 52 224 54 14

Diese Norm im SNV Online-Shop bestellen:
ISO/TR 8124-8:2016 (in französischer und englischer Sprache)

Interessiert Sie das Thema? Hier finden Sie weitere wichtige Informationen vom Bund:

Neue Spielzeugverordnung 2016