1960–1970: Alles andere als N-O-R-M-al

Die 1960er-Jahre sind die Zeit, in der die Gesellschaft bewegt und geschüttelt wird. Kubakrise, Vietnamkrieg, Studentenbewegung, Flower-Power, Bau der Berliner Mauer, erste Mondlandung und Antibabypille sind nur einige wenige Begriffe, die das Jahrzehnt stichwortartig zusammenfassen. Während im kulturellen und gesellschaftlichen Kontext Individualität angestrebt wird, etabliert sich im wirtschaftlichen Umfeld weiter die Arbeit der nationalen und internationalen Normung. Die Unternehmen haben ein ungebremstes Interesse an einer Vereinheitlichung, die ihnen den Zugang zu neuen internationalen Märkten öffnet.

Gründung der CEN – Stärkung der europäischen Wirtschaft mit Normenarbeit
Im Jahr 1961 wird das Europäische Komitee für Normung ( CEN, Comité Européen de Normalisation) gegründet, mit dem Ziel, die europäische Wirtschaft zu stärken und den Umweltschutz zu fördern. Dank europaweit einheitlicher Normen sollen im europäischen Binnenmarkt Güter und Dienstleistungen von technischen Handelsbarrieren befreit werden und damit auch im globalen Markt erfolgreich mitspielen können. Die Grundsteinlegung für die CEN erfolgte bereits im Jahr 1960 in Zürich; der Sitz des CEN ist in Brüssel.

Heute sind mehr als 200 000 Experten an der Arbeit des CEN beteiligt. Die Ergebnisse ihrer Tätigkeit erreichen über 600 Millionen Menschen. Das CEN zählt 34 nationale Mitglieder, die ihr Land repräsentieren. Die Schweiz und ihre Interessen werden durch die SNV vertreten. CEN ist die offizielle europäische Normungsorganisation für alle Bereiche ausser Elektrotechnik ( CENELEC) und Telekommunikation ( ETSI).

Bildbeschrieb: Normen dienen als Türöffner und fördern den Export

Die SNV konstituiert sich als Verein
Die 1960er-Jahre sind auch für die Schweizerische Normen-Vereinigung (SNV) bedeutungsvoll. 1962 finden die Verantwortlichen der SNV die passende und bis heute gültige Organisationsform. Die SNV wird als Verein mit Willi Ruggaber als Präsident (1962–1972) konstituiert.

1968 feiert die SNV ihr 50-jähriges Bestehen und blickt auf ein halbes Jahrhundert erfolgreicher Tätigkeit mit einigen Hundert involvierten Spezialisten zurück. In der NZZ vom 25. September 1968 erklärt Willi Ruggaber den Leserinnen und Lesern die Normung wie folgt: «Hauptziel der Normung ist jedoch, die Leistungssteigerung in Technik, Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft zu erzielen. Betriebswirtschaftlich gesehen soll durch Einsparungen von Materialkosten, Arbeitslöhnen und allgemeinen Unkosten die Rentabilität verbessert werden, wobei die Typisierung auf Preisgestaltung und Konkurrenzfähigkeit den grössten Einfluss hat. Die Typenreduktion bringt nicht nur für den Hersteller wesentliche Kostendegression, sondern auch für den Verwender Kapitalfreisetzung durch Verminderung der Lagerbestände. Dank der Normung lassen sich besonders Massengüter wirtschaftlicher herstellen und die Verkaufspreise senken, so dass ein immer grösserer Teil der Bevölkerung sich immer mehr Güter leisten kann. Es lässt sich daraus ableiten, dass die Normung ein wichtiges Mittel zur Hebung des Lebensstandards sein kann.»

In der gleichen Ausgabe der NZZ von 1968 erläutert Alfred J. Furrer, damaliger Leiter der Rieter-Technik und späterer Präsident der SNV (1981–1991), die Errungenschaften der Textilnormung, die für eine erfolgreiche Exporttätigkeit der Schweizer Textilindustrie von vitaler Bedeutung sind. Es geht beispielsweise um die Länge von natürlichen und synthetischen Garnen auf Spulen, um Farbechtheitsprüfung, Schrumpfung der Gewebe beim Waschen oder auch um die Pflegekennzeichnung der Textilien.

Flower-Power mit Normen
Während in den 1960er-Jahren insbesondere junge Menschen gegen gesellschaftliche Konventionen eintreten, ist ihr Lifestyle von ihnen unbemerkt von Normen geprägt. Ob die Anhänger der Flower-Power-Bewegung realisierten, dass an ihrer bunten und individuellen Kleidung wahrscheinlich auch diverse Schweizer Fachleute aus der Normung beteiligt sind? Oder dass beispielsweise der grenzüberschreitende Schienen- und Strassenverkehr sowie die Beleuchtung und Beschallung an Konzerten dank einheitlicher Standards vereinfacht werden?

Quellen: Archiv SNV, CEN, Wikipedia, NZZ, das-musikinstrument.de

Wie entsteht eine Norm?

Schon längst beeinflusst die Normung das tägliche Leben, wobei nicht alle Bereiche gleichermassen betroffen sind. So sind zum Beispiel Musikinstrumente international wenig standardisiert. 2017 reicht die Normungsbehörde Chinas (SAC) bei der Internationalen Organisation für Normung ( ISO) einen Antrag ein zur Gründung eines Ausschusses, der über Standards für Musikinstrumente entscheiden soll. Der Antrag wird abgelehnt, da sich zu wenige Mitglieder für diesen Antrag engagieren wollen.

Wird ein Antrag jedoch angenommen, nimmt die entsprechende Arbeitsgruppe ihre Normungsarbeit auf. Normen werden dabei nicht durch den Gesetzgeber, eine Behörde oder einen staatlichen Regulator erarbeitet, sondern durch die interessierten Kreise selbst. An der fachlichen Arbeit in den Normenkomitees können sich alle am Thema Interessierten beteiligen und ihr Fachwissen einbringen. Damit der Markt die erstellten Normen auch akzeptiert, ist es wichtig, eine möglichst breite Beteiligung am Normungsprozess zu erreichen. Dadurch fliesst eine Vielzahl von Meinungen und Interessen in die erarbeitete Norm ein. Jede Norm wird vor ihrer endgültigen Verabschiedung der Fachöffentlichkeit zur Kommentierung vorgelegt. In dieser Phase der öffentlichen Umfrage wird der Normenentwurf erstmals ausserhalb des zuständigen Normenkomitees publiziert und ist auch für Fachpersonen verfügbar, die kein Mitglied einer anerkannten Normungsorganisation sind.

Eine aktuelle Übersicht der Normenentwürfe zur Kommentierung finden Sie auf dem Entwurfsportal des Schweizerischen Informationszentrums für technische Regeln (SWITEC-Entwurfsportal).

Wie eine Norm entsteht, erfahren Sie aus der nachstehenden Grafik:

1. Entwicklung

Liegt ein Normungsauftrag vor, organisieren sich interessierte Fachpersonen in einer Arbeitsgruppe und erarbeiten einen Normenentwurf.

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2. Öffentliche Umfrage

Der erarbeitete Normenentwurf wird der Öffentlichkeit zur Kommentierung vorgelegt. Eingehende Kommentare werden von der Arbeitsgruppe bewertet.

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3. Publikation

Herrscht in der Arbeitsgruppe Konsens über den finalen Normenentwurf, wird dieser als Norm publiziert.

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4. Überprüfung

Alle drei bis fünf Jahre wird die Norm auf ihre Aktualität hin überprüft und entweder bestätigt, überarbeitet oder zurückgezogen.

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