SNV-Story #12: Wie eine wohlklingende Komposition

Zum Abschluss der diesjährigen Serie «Die komplexe Normenwelt einfach erklärt» haben wir mit Urs Fischer, CEO der Schweizerischen Normen-Vereinigung (SNV), gesprochen. Mit seinen Geschichten und seinem Erfahrungsschatz beweist er einmal mehr, dass die Normungsarbeit lebendig und manchmal unkomplizierter ist, als man denkt. Zusätzlich geben wir mit eindrücklichen sowie überraschenden Zahlen einen tieferen Einblick in die Normungswelt.

Wie erklären Sie Aussenstehenden die komplexe Normungswelt einfach?
Urs Fischer: Ich nutze Musiknoten als Beispiel. Sie sind eine Konvention und funktionieren wie eine Norm. Musiknoten sind die Sprache für alle Musizierenden und garantieren, dass ein Stück jedes Mal identisch tönt. Zudem sind sie interoperabel: Sie funktionieren überall auf der Welt, egal mit welchem Musikinstrument sie gespielt werden.

Wo kommt man im Alltag mit Normen in Kontakt?
Urs Fischer: Alle profitieren täglich von der Normungsarbeit, in den meisten Fällen unbewusst. Das beginnt schon am Morgen, wenn man die Kaffeemaschine einstellt oder sich die Zähne putzt, duscht und sich danach eincremt. Beispielsweise sagt der RDA-Wert (Relative Dentin Abrasion) einer Zahnpasta aus, wie stark der Abrieb des Zahnbelages ist. So fällt bei empfindlichen Zähnen die Wahl einer Zahnpasta einfacher. Das ISO-Komitee «Kosmetik» kümmert sich um die Hautverträglichkeitstests aller Cremen und gibt Menschen die Gewissheit, dass sie die entsprechenden Produkte ohne Bedenken nutzen können. Wenn Sie danach mit dem Velo zur Arbeit fahren, wurde der Helm nach den strengen Normen von CEN kontrolliert. Normen schützen Konsumierende täglich.

Was sind neue Themen, mit denen sich die Normungsarbeit 2023 beschäftigt hat?
Urs Fischer: Die aktuellen Themen sind sehr breit gefächert. Im Bereich Energie haben wir in der Schweiz gerade eine Guideline für Flüssigmethan-Anlagen fertiggestellt. Das Thema Eignungsdiagnostik ist auf dem Radar erschienen, ebenso wie die rundum professionelle Betreuung von Lernenden, die in einem Leitfaden festgehalten wurde. International sind Themen rund um Nachhaltigkeit weiter im Vormarsch. Ein Beispiel aus der fortschreitenden Digitalisierung ist die Norm «ISO 12911:2023», wo es um ein Framework für BIM (Building Information Modelling) geht. Das Modell beschreibt, wie heutzutage von Architektinnen und Architekten über Planende bis hin zu Infrastrukturbetreibern alle Informationen ohne Medienbruch digital zur Verfügung stehen müssen. Ein Thema, bei dem wir in der Schweiz stark hinterherhinken.

Nachhaltigkeit ist ein Thema, das ebenfalls bei den «Sustainable Development Goals (SDGs)» der UNO eine grosse Bedeutung hat. Wie spielt das mit den ISO-Normen zusammen?
Urs Fischer: Im Jahr 2015 haben die Vereinten Nationen einen ehrgeizigen 15-Jahres-Plan aufgestellt, um die dringendsten Probleme der Welt anzugehen. Daraus entstanden sind 17 Fokusthemen, die sogenannten «Sustainable Development Goals (SDGs)». Die ISO trägt zu all diesen SDGs ihren Teil bei, indem sie mit den weltweit besten Fachleuten relevante ISO-Normen entwickelt und publiziert. Absoluter Spitzenreiter dabei ist das «SDG 9: Industry, Innovation and Infrastructure». Insgesamt 14’515 ISO-Normen zahlen auf die Erreichung dieses Ziels ein. Danach folgen 3’594 ISO-Normen zum «SDG 3: Good Health and Wellbeing» und auf Platz drei 3’198 ISO-Normen zum «SDG 12: Responsible Consumption and Production». Ohne aktuelle internationale Normen werden die Industrie und Gesellschaft nicht in der Lage sein, die notwendigen Ziele zu erreichen. ISO hat sich verpflichtet, mit ihren Mitgliedern, Interessenvertretern und Partnern zusammenzuarbeiten, um sicherzustellen, dass ISO-Veröffentlichungen die erfolgreiche Umsetzung des Pariser UN-Abkommens unterstützen. ISO ist zudem an den internationalen Klimakonferenzen vertreten, das letzte Mal kürzlich bei der COP28 in Dubai.

Die konkrete Normungsarbeit findet in den Komitees und den dazugehörigen Arbeitsgruppen statt. Sind 2023 neue Komitees gegründet worden?
Urs Fischer: Wenn wir in der Schweiz Komitees bilden, sind das in den meisten Fällen Spiegelkomitees. Man kann sich das wie Niederlassungen von Unternehmen im Ausland vorstellen. Die letzten, die wir so gegründet haben, waren die Komitees «Hyperloop» und «Cannabis». Das Thema Cannabis wird meiner Meinung 2024 wieder an Fahrt aufnehmen. Hanf ist eine sensationelle Pflanze mit vielen Einsatzgebieten. Es gibt den Industriehanf, den Lebensmittelhanf, den Medizinalhanf und den Freizeithanf. Der Letztere ist derjenige mit der Rauschwirkung, der ungerechtfertigt zum schlechten Ruf des Hanfs beiträgt. Aktuell fehlen uns Qualitätsstandards für den Anbau von Hanf. Die erlaubten Toleranzgrenzen für Pestizidrückstände müssten dringend festgelegt werden, so dass beispielsweise Lebensmittel für Konsumierende unbedenklich sind.

Werden Komitees manchmal auch aufgelöst?
Urs Fischer: Eine Auflösung ist sehr selten. Ab und an wird ein Komitee auf schlafend – «dormant» – gesetzt. So haben die dazugehörigen Normen dennoch einen Hafen, falls Anpassungen notwendig sind oder jemand eine Ansprechperson sucht. Häufiger ist der Fall, dass man zwei Komitees und deren Normenportfolios zusammenfügt, um Überschneidungen bei Themen zu vermeiden.

Gibt es auch Normen, die druckfertig waren und dann doch nicht publiziert wurden?
Urs Fischer: In meiner über 20-jährigen Laufbahn bei der SNV habe ich das erst einmal erlebt. Und zwar waren wir vor zirka acht Jahren dabei, eine europäische Norm für Halal Food zu erarbeiten. Damals haben einzelne Vertretende der muslimischen Interessensgemeinschaft darauf bestanden, dass wir den Koran in den normativen Referenzen erwähnen. Dies widerspricht jedoch den Grundsätzen der Normungsarbeit, die absolut «werteneutral» ist. Normen besitzen keine politische, religiöse oder kulturelle Dimension. Inklusion ist bei uns schon seit mehr als 100 Jahren ein Thema. Nur wenn alle eine Stimme erhalten, bekommt eine Norm die notwendige Glaubwürdigkeit. Der Entwurf zum Halal Food Qualitätsstandard wurde bis heute nicht publiziert und die Arbeit damals eingestellt.

Normen ausarbeiten ist ein zeitaufwändiger Prozess. Stimmt das?
Urs Fischer: Diese Aussage höre ich nicht zum ersten Mal. Was man dabei häufig verkennt, ist, dass es dem Markt nicht um die Zeit, sondern um die Effektivität von Normen geht. Ein relevanter Zeittreiber für die Entwicklungszeit ist das Konsensprinzip. Es ist entscheidend, ob zwei oder zwanzig Parteien am Tisch sitzen und wie kontrovers ein Thema diskutiert wird. Einzelne Normenprojekte bedingen aufwändige Tests oder einen Ringversuch von einem externen Prüflabor, um evidenzbasierte Aussagen zu machen, welche in die Norm einfliessen. Das sind externe Faktoren, die zeitraubend erscheinen mögen, aber für ein glaubwürdiges Ergebnis unabdingbar sind.

Gibt es ein Beispiel von einer Norm, die in Rekordzeit erarbeitet wurde?
Urs Fischer: Da denke ich spontan an die Community Masken. Bei dem Ausbruch von Covid sind Expertinnen und Experten überall wie Pilze aus dem Boden geschossen. Ob in der Tagesschau, in der Arena oder im Kassensturz, nonstop wurde die Bevölkerung mit unterschiedlichen Meinungen bombardiert. Die SNV wurde zu Hilfe gerufen, um diesem Umstand Einhalt zu gebieten und einen Konsens unter all den Involvierten zu bewirken. Wir haben damals die im Fernsehen und Radio auftretenden Fachpersonen angeschrieben und sie an einem Tisch versammelt. Alle sind gekommen und haben die unterschiedlichen Auffassungen ausdiskutiert und alles in eine einheitliche Form gegossen. Aufgrund des gesellschaftspolitischen Drucks haben wir ein verkürztes Verfahren eingeleitet, dass zu einem normativen Dokument, einer SNR (Schweizer Regel) und nicht zu einer klassischen Schweizer Norm (SN) geführt hat. Dadurch konnten wir auf die öffentliche Umfrage verzichten, die ausnahmslos drei Monate in Anspruch nimmt. SNRs haben deshalb eine beschränkte Lebensdauer. Die Idee ist, eine SNR innerhalb einer vorgeschriebenen Zeit in eine vollwertige SN umzuwandeln oder sie nach Ablauf dieser Zeit auslaufen zu lassen.

Haben Sie abschliessend einen Wunsch für die Normungsarbeit?
Urs Fischer: Unsere Kolleginnen und Kollegen in Asien sind sehr engagiert, wenn es um neue Vorstösse und um die physische Präsenz in den Arbeitsgruppen oder Meetings geht. Dieses Jahr durften wir eine internationale Sitzung in Winterthur organisieren. Die chinesische Delegation ist mit einem Stab von rund 20 Fachpersonen angereist. Europa war nur mit wenigen Personen aus Deutschland, England und Skandinavien vor Ort. Die meisten haben es vorgezogen, via Webcall anwesend zu sein. In der Normungsarbeit sind die Gespräche in den Pausen oder während des gemeinsamen Essens ebenso wichtig. Hier wünsche ich mir, dass Europa sich vom Engagement der asiatischen Mitgliedsländer vermehrt anstecken lässt.

Vorschau SNV-Storys 2024
Es erwarten Sie spannende Interviews mit wichtigen Persönlichkeiten aus der internationalen Normungsarbeit. Sie zeigen auf, welche Themen in ihren Märkten relevant sind. Urs Fischer reflektiert dazu jeweils den aktuellen Stand aus Schweizer Sicht.

Urs Fischer

Urs Fischer ist seit sieben Jahren Geschäftsführer der SNV. Er war einige Jahre Mitglied im Technischen Lenkungsgremium der ISO und ist seit Januar 2022 im Verwaltungsrat bei CEN.

Urs Fischer ist seit sieben Jahren Geschäftsführer der SNV. Er war einige Jahre Mitglied im Technischen Lenkungsgremium der ISO und ist seit Januar 2022 im Verwaltungsrat bei CEN.

Urs Fischer ist seit sieben Jahren Geschäftsführer der SNV. Er war einige Jahre Mitglied im Technischen Lenkungsgremium der ISO und ist seit Januar 2022 im Verwaltungsrat bei CEN.

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