SNV-Story #9: Alter spielt sich auch im Kopf ab

Porträt des Normenexperten Prof. Raymond Saner

Woran denken Sie beim Stichwort ältere Menschen? An einen einsamen Herrn mit Krawatte und Hut, der den ganzen Tag auf der Parkbank sitzt? An eine freundliche Grossmutter, die mit ihren Enkeln Apfelkuchen bäckt? An einen 60-jährigen Arbeitskollegen, der das neue Computerprogramm immer noch nicht beherrscht? Oder an einen 70-Jährigen, der mit violetter Punkfrisur und Lederjacke sein Bike ausfährt? Das letzte Bild war nicht in Ihrem Kopf, richtig? Wir haben mit Prof. Raymond Saner über das Alter, gesellschaftliche Konventionen und seine Arbeit als SNV-Normenexperte gesprochen.

Prof. Raymond ist eine Kapazität auf vielen Gebieten: Titularprofessor an der Universität in Basel (Fachbereich Wirtschaft), Lehrstuhl-Inhaber an der Universität in Lüneburg (Umweltwissenschaften), weltweit gefragter Berater, Gutachter, Partner von Forschungsprojekten bei der UNO, Autor, Verhandlungsexperte, Moderator und SNV-Normenexperte. Gemeinsam mit seiner Frau ist er Gründer des «The Centre for Socio-Eco-Nomic-Development (CSEND)». In erster Linie war er uns ein sehr offener, sympathischer sowie jung gebliebener Gesprächspartner mit einem Baseldytsch, das trotz langer Auslandaufenthalte nichts von seinem Charme verloren hat.

Menschen altern unterschiedlich
Alte Menschen betrachtet man gerne als homogene Gruppe, sind sie aber nicht. Die Altersspanne kann bis zu vier Jahrzehnte und somit gleich mehrere Generationen umfassen. Viele Stereotypen und Missverständnisse prägen das Bild. So werden «die Alten» abgestempelt als diejenigen, die gegen Veränderungen sind, nichts Neues mehr lernen wollen, Junge ablehnen, immer kritisieren, das Gesundheitssystem belasten oder einfache Opfer für Kriminelle sind. Kognitives Altern beginnt jedoch viel früher, als Sie vielleicht denken. Bereits ab 50 ist beispielsweise die Gedächtnisleistung betroffen und auch das Verarbeiten von Informationen macht mehr Mühe.

Untersuchungen zeigen, dass Menschen sehr unterschiedlich altern. Ermutigend ist die Tatsache, dass man durch richtiges Verhalten diesen Prozess verlangsamen oder positiv beeinflussen kann. Trainieren Sie Ihre kognitiven Fähigkeiten – oder wie es Matthias Kliegel, ein Professorenkollege von Raymond Saner sagt: «Use it or lose it». Und wenn Sie Ihr Gedächtnis trainieren, streichen Sie bitte gleich: «Was Hänschen nicht lehrt, lernt Hans nimmer mehr!» aus Ihrem Wortschatz. So weiss man heute, dass auch 100-jährige die Fähigkeit zum Lernen nicht verlernen.

Weltweite Altersentwicklung
Aktuell leben in der Schweiz 19% Menschen, die älter als 65 Jahre sind: 1.15 Mio sind 65-79 und 454‘000 sind 80+. Dabei sind die Frauen in den höheren Altersklassen stärker vertreten als die Männer (Quelle: BFS). In Europa ist Italien das älteste Land. Weltweit wird der Anteil der älteren Bevölkerung (+65) im Jahre 2050 bei 16% liegen. 80% dieser Seniorinnen und Senioren werden in Ländern mit tiefem bis mittlerem Einkommen leben (Quelle: WSIS +15 Virtual Form 2020 organised by CSEND, Outcome Statements). In Japan zählt bereits jeder 3. Einwohner statistisch als alt. Japan hat schon immer eine homogene Gesellschaft bevorzugt und somit ist es auch nicht erstaunlich, dass hier bereits Roboter die Altersbetreuung übernommen haben. Vielleicht mag das auf den ersten Blick befremdlich wirken, doch aller Skepsis zum Trotz: Japan kümmert sich um seine Alten. Prof. Saner nennt ein Beispiel aus den USA, wo private Altersheime ihre Heimbewohner medikamentös ruhig stellen, um Personalkosten einsparen zu können. «Leute werden gegen Ende ihres Lebens parkiert und müssen Zustände über sich ergehen lassen, die einfach nicht richtig sind», sinniert Prof. Saner.

Altersthemen sind Gesellschaftsthemen
Es gibt nicht den einen Grund, weshalb sich Prof. Saner mit dem Altern beschäftigt, es gibt mindestens deren vier. Grund 1: Er zählt sich mit seinen 72 Jahren selbst zur «Graduated Senior Class». Grund 2: Kollegen in Basel, die das Phänomen intergenerationelles Zusammenarbeiten und die Vorteile für beide Altersgruppen erforscht haben. Grund 3: seine Arbeit bei der UNO, wo sich Regierungsvertreter und NGOs seit mehr als 10 Jahren regelmässig in New York treffen, um eine Konvention zum Schutz von älteren Leuten vorzubereiten. Solche Konventionen gibt es bereits für Kinder oder Menschen mit Behinderung, nicht aber für die ältere Bevölkerungsgruppe. Und Grund 4: seine Frau Prof. Lichia Saner-Yiu aus Taiwan. Viele ihrer Verwandten leben in Mainland China. Dort erwartet man von den Kindern, dass sie sich bedingungslos um ihre Eltern kümmern, und so fordern 240 Millionen ältere Menschen diese Unterstützung ein. Eine kolossale Zahl, wie Prof. Saner vermerkt, und ein Grund mehr, clevere Lösungen und auch Technologien für das Zusammenleben der Generationen zu finden. Denn dieses aufgezwungene Pflichtenheft lässt sich heute mit vielen Lebensentwürfen der Kinder nicht mehr vereinbaren.

Normungsarbeit für das Alter
Prof. Saner bringt sein Wissen und seine Erfahrung in die 2017 gegründete Arbeitsgruppe ISO TC 314 Ageing Societies» mit ein. Diese besteht aus drei Arbeitsbereichen: «Ageing workforce», «Dementia inclusive» und «Carer inclusive». Nähere Informationen findet man auch auf der eigenen Website der Arbeitsgruppe.
Sein akademisches Interesse besteht darin, nachhaltige Normen für den Arbeitsplatz und das Zusammenleben mitgestalten zu können. Er nennt eine Untersuchung aus der Schweiz, wonach mehr als 23% der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer über 65 gerne weiterarbeiten würden. Das stellt den Arbeitgeber sowie die Politik vor neue Herausforderungen. Auf der einen Seite muss verhindert werden, dass ältere Arbeitnehmer jüngeren Personen den Arbeitsplatz wegnehmen. Auf der anderen Seite ist es irrational, auf das institutionelle Wissen und die Erfahrung der Senioren zu verzichten. Es gilt neue Lösungen im Dreieck Arbeitgeber-Pensionierte-Erwerbstätige zu finden oder Pensionierte auf ganz neue Möglichkeiten vorzubereiten. Dabei helfen Normen. Es darf nicht vergessen werden, dass auch pensionierte Altersklassen in einem Land einen wertvollen Beitrag leisten. So stimmen sie weiterhin ab, bezahlen Steuern und halten mit Freiwilligenarbeit die Gesellschaft am Funktionieren.
In der ISO-Arbeitsgruppe sind Mitglieder aus China über Thailand und Europa bis nach Kanada und USA vertreten. «Wir sind wie eine kleine UNO», meint Prof. Saner. Die Arbeitsgruppe ist als Teilnehmerin oder Veranstalterin von Konferenzen in China oder Europa aktiv und fördert so den internationalen Erfahrungsaustausch. Ein weiterer Partner ist die Universität in Venedig, die einen Master Degree in Ageing anbietet. Zudem sieht sich die Arbeitsgruppe als Beraterin für Unternehmen und die Politik. Prof. Saner wünscht sich, dass zukünftig auch konkrete Umsetzungen mit Unternehmen angegangen werden könnten. Für entsprechende Anfragen steht er offen.

Kultur ist gelerntes Wissen
Nebst neuen Normen ist auch ein Kulturwandel erforderlich. Zeigen ältere Menschen heute ungelernte Verhaltensmuster, wird das oft abgelehnt oder sogar sanktioniert. Viele wollen allerdings die ihnen zugewiesene und überholte Seniorenrolle nicht mehr ausfüllen. Vor allem in Ländern mit einem traditionellen und stark reglementierten Gesellschaftsbild führt das häufig zu Konflikten. Das Verständnis der jüngeren Bevölkerung ist gefragt. Kann man es beispielsweise einem Professor verwehren, wenn er im Ruhestand noch mehr bewirken will als nur der Aufpasser seiner Grosskinder zu sein? Zwischen den Generationen muss eine Diskussion stattfinden, auch wenn ältere Menschen auf den ersten Blick vielleicht nur als stumme, wenig spannende Personen auf der Bildfläche erscheinen, sie wissen zu erzählen. «Nur wenn man Leute zum Dialog einlädt, lernt man sie und ihre Situation wirklich kennen», ermutigt Prof. Saner. Spannenderweise hält nicht nur körperliche oder geistige Bewegung jung, sondern auch die zwischenmenschliche Interaktion und das Argumentieren. Und je länger ältere Menschen fit bleiben, desto gewinnender ist das für alle in der Gesellschaft.

Wunsch für die Zukunft
Nachgefragt, was die Vorteile des Alters sind, meint Prof. Saner «Gelassenheit. Und ich orientiere mich nicht mehr nur vordergründig, sondern nehme mehr den Hintergrund von Menschen und Situationen wahr. » Man spürt im Gespräch diese Reflektiertheit des einst typisch rebellischen 68ern und auch, dass er nie aufgehört hat, neugierig zu bleiben. Seine beeindruckende Bücherwand zeugt davon, dass Lesen und Schreiben zentrale Themen sind, und so verwundert es auch nicht, dass er am Vorabend unseres Skype-Gesprächs noch bis um 1 Uhr früh sein neustes Manuskript fertiggestellt hat. Dass er sich das – wie er es selbst nennt – noch gönnen und leisten kann, hat nebst seiner intakten Gesundheit auch mit seinem geistigen Fitnesslevel zu tun.
Prof. Saner wünscht sich für die Zukunft, «Dass Menschen sich daran erinnern, dass man die Zukunft nicht einfach von der Gegenwart extrapolieren kann. Dass man sich und älteren Menschen einen grösseren Spielraum zutraut, als er heute eingenommen wird. Dass man alte Stereotypen verlernt und sich so die Erlaubnis erteilt, offen zu bleiben für neues Wissen und beiträgt neue Lösungen mit seinen Mitmenschen zu erarbeiten». Denn wie er anfügt, wird die Zukunftswelt Herausforderungen und Lösungen parat halten, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Freuen Sie sich auf neue Bilder im Kopf.

Herzlichen Dank, Herr Prof. Saner, für Ihre wertvolle Zeit.

Prof. Raymond Saner

Er wurde 1947 in der Schweiz geboren und ist Schweizer Staatsbürger. Er spricht fliessend Deutsch, Englisch und Französisch. Er besitzt einen Doktortitel in Sozialpsychologie der Union Graduate School, Cincinnati, Ohio, einen Master in Education, Lesley University Cambridge, und einen BA in Wirtschaftswissenschaften, Universität Basel.

Dr. Saner verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Konzeption und Leitung von Projekten zur Entwicklung von Institutionen und zum Aufbau von Kapazitäten im öffentlichen Sektor auf der ganzen Welt. Er war als Berater für europäische und asiatische Regierungen, multinationale Unternehmen und internationale Organisationen tätig, darunter das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, die Welthandelsorganisation und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. In jüngster Zeit war er als Projektleiter unter anderem für die Entwicklung von Ausbildungszentren für Führungskräfte in Russland und für institutionelle Reformen in Osteuropa und Südamerika verantwortlich. Als ehemaliger Lehrbeauftragter an der Graduate School of Business der New York University lehrt er derzeit an der Universität Basel (Schweiz) über internationale Verhandlungen und war Gastprofessor am INSEAD (Frankreich).

The Centre for Socio-Eco-Nomic-Development (CSEND)
Das CSEND hat sich verpflichtet, den neuen Herausforderungen der kommenden Jahre mit sozio-ökonomischen Ansätzen zu begegnen und weiterhin eine Vorreiterrolle im Grenzbereich der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Innovation zu spielen.

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